Albanien Nord

Früh am Morgen wachen wir auf und ich merke, dass ich pinkeln muss. Also krieche ich schnell aus dem Hochdach und erfreue mich dabei an unserem doch recht abgelegenem Stellplatz. Ich ziehe mir Andys Schlappen an und ziehe gerade die Schiebetür auf, als „Warte noch kurz, da kommen gerade welche!“. Andy bremst mich aus und ich lasse mich zurück auf die Rückbank fallen. Am Ende war es die Familie, die das Feld neben uns bewirtete und aus dem morgendlichen Toilettengang wurde erst einmal nichts.

Nachdem der alltägliche morgendliche Werdegang doch noch zufrieden gestellt wurde, fahren wir weiter nach Kruja.

Da der Weg zur mittelalterlichen Festung leider nicht von Anfang an ausgeschildert ist, wie einiges in Albanien, fahren wir den gedachten kürzesten Weg. Ist er auch – allerdings haben wir Glück, dass es keinen Gegenverkehr gibt. Wir platzen über eine kleine Nebenstraße direkt auf die Basarstraße und versuchen schnellst möglichst einen Parkplatz zu finden. Vor einem Restaurant werden wir fündig, wobei ein Tee trinkender Albaner 100 LEK haben möchte. Später, als wir wiederkommen, setzt er sich demonstrativ auf Evas Stoßstrange, frei nach dem Motto: „Seht her, ich habe aufgepasst!“.

In Kruja besichtigen wir die alte Burg mit Hilfe von dem englisch sprechendem Mimire, der uns durch die gesamte Festung führt und uns spannende Infos über diese erzählt. Er klärt uns über die Burg, die Stadt und auch über seine Religion auf. Am Ende bekommt er von uns etwas Geld, wobei ihm dies nicht zu reichen scheint, da er prompt versucht uns Postkarten anzudrehen. Letztendlich zahlen wir nicht mehr und bekommen stattdessen eine Postkarte als Andenken an ihn geschenkt.

Über die tatsächlich gut ausgebaute Autobahn geht es weiter gen Norden. Hier ist es Normalität, dass Fußgänger über die Autobahn laufen, man an Fahrradfahrern vorbei muss oder Eselkarren überholt werden müssen. 

In Shkoder gucken wir uns die Rozafa Festung an, die wir durch eine Sperrung der Hauptstraße sofort finden. In der Festung befindet sich ein Museum, aus dessen Eingangstür unds lautes und viel Gerede entgegnet. Wir beschließen uns dieses trotzdem mit Maggie anzgucken und ich quetsche mich, gefolgt von Andy und Maggie, durch ein Gewusel von albanischen Teenagern. Es ist laut und meine Ohren schmerzen von dem lauten Hall, der sämtliche Geräusche verstärkt. Ich flüchte mich schnell in einen leeren Nebenraum. Dort kommt ein Mann auf uns zu, der anscheinend im Hauptraum die Treppen herunter gerannt sein muss, um uns unmittelbar und etwas außer Atem mit einem „No!“ und auf den Hund zeigend klar macht, dass wir wieder raus müssen. Inzwischen sind wir wieder im Eingangsbereich, der merkwürdig ruhig gewurden ist. Als ich mich umsehe, stelle ich fest, dass eine schweigende Traube von Teenagern um uns herum steht und uns von allen Seiten begutachtet. Wir kämpfen und durch diese und verlassen unter dem Nachruf „beautiful girl!“ den kühlen, großen Raum, bis wir wieder in der Festung zwischen Hitze und Trockenheit stehen.

Auf dem Parkplatz besorgen wir uns noch ein Eis und werden von dem deutsch sprechendem Albaner gefragt, ob wir hier schlafen möchten. Es gibt allerdings westlich eine Straße, an deren Ende eine Wendeplatte zum Stehen sein soll. Diese fahren wir durch die ärmlich wirkenden Dörfer über eine kurvenreiche Straße an.

Alles andere als ruhig empfängt uns das Nachbarshaus, welches eines der vielen Häuser zu sein scheint, die jemand angefangen hat zu bauen, ein zweiter sie inzwischen besitzt und irgendjemand drin wohnt. Die Wände sind mit Laken abgehangen und vor dem Haus auf der besagten Wendeplatte surren aggressive Wespen über und in dem dort entsorgten Müll.

Da Albanien keine flächendeckende Müllentsorgung hat, liegt im gesamten Land viel Müll an den Straßenrändern. Den Albanern bleibt schließlich die Möglichkeit ihn zu verbrennen oder ihn irgendwo zu stapeln.

Wir drehen um und sind etwas ratlos, als ich bei dem zweiten Restaurant anhalte und frage, ob wir hier stehen bleiben dürfen „No problem!“.

Darrai, der Restaurantbesitzer ist gerade dabei das Haus neu weiß zu tünchen, um es in der Hauptsaison im neuen Glanz strahlen zu lassen. Wir stellen uns auf den Parkplatz und prompt kommt der Restaurantbesitzer vom oberen Restaurant vorbei (es gibt auf der Straße insgesamt 16!), um uns auf ein Bier einzuladen.

Es gibt Bier, Fanta und mit Händen und Bröckchen Englisch wird versucht sich auszutauschen. Darrai spricht nur albanisch und italienisch und der andere Restaurantbesitzer nur albanisch und ein ganz bisschen englisch. Auch das aus dem Auto geholte Albanisch-Wörterbuch trägt nicht unbedingt zu einem fliessenderem Gespräch bei. Wir haben trotzdem Spaß daran, unsere Fragen an die Albaner mit Zeichensprache und vereinzelten Wörtern mitzuteilen – sind uns aber nicht sicher, ob wir immer richtig verstanden wurden.

Ein laut hallender Schrei zum See herunter beendet das Gespräch. „It’s my friend, he speak german!“ Der junge Mann kommt nach oben und wir haben einen guten Übersetzer und Kommunikationspartner. Aus dem einen werden zwei Bier, die der uns Einladende allerdings beim gehen nicht bezahlt, sowie seine eigenen auch nicht. Darrai und der Dolmetscher erzählen uns, dass dies schon öfter vorgekommen ist, wir aber nichts dafür können und auch nichts zahlen müssten. Es gibt ein neues Bier auf Kosten des Dolmetschers und ein weiterer Albaner kommt von seinem Fischerarbeitstag und bietet uns Ziegenkäse zum Probieren an. Der Albaner ist total fasziniert von Maggie und wir unterhalten uns mit Hilfe des Dolmetschers über seinen Hund, der tatsächlich ein Zuchthund mit eingetragenem Stammbaum war (das glaubte in Albanien niemand).

Am Ende des Abends gibt es ein viertes Bier vom Chef und er lässt uns den Schlüssel für sein Restaurant da. „Wenn ihr Wasser braucht, Tiolette oder etwas anderes, nehmt einfach“ wird uns übersetzt. Mit so viel Gastfreundlichkeit und Vertrauen bin ich fast schon etwas überfordert und wir stehen am Ende alleine an dem See mit unserem Auto und einem „geliehenem“ Restaurant.

Wir wachen auf und merken schnell, wie die noch nicht lange scheinende Sonne das Auto erhitzt. Also schnell anziehen und ab zum Restaurant. Wir werden freundlich von Darrai, seiner Frau und zwei von seinen vier Kindern empfangen. Mit dem 2. ältesten Sohn gibt es nun auch einen englischen Dolmetscher. Wir wissen nicht so recht wie ein albanisches Frühstück aussieht und so bstellt Andy uns zwei grande Kaffee. Wir nehmen auf der untersten Terrasse Platz, die unmittelbar zum See liegt. Ein großer „Warsteiner“-Sonnenschirm spendet uns Schatten, denn die Sonne brennt bereits am Vormittag stark auf der Haut. Wir genießen die wundervolle und friedliche Atmosphäre und fühlen uns sehr wohl.

Plötzlich springt Andy auf, greift zur Kamera und ruft: „Haubi!“. Ja, auch der uns stets im Urlaub begleitende Haubentaucher ist wieder da – sogar in vierfacher Ausführung!

Wir bekommen einen großen Espresso mit einem Glas kühlen Wasser gereicht und müssen erst einmal jeweils Kaffeesahne und zwei Päckchen Zucker hineinschütten, da es ein sehr starker Muntermacher ist. Ich trinke vorsichtig einen Schluck aus der kleinen Tasse und merke wie ich schlagartig wach werden. Andy deutet auf seine Tasse und verkündet: „Ich will gar nicht, dass er zu Ende geht!“. Nachdem wir sorgfältig den letzten Schluck ausgetrunken haben, gehen wir zu Darrai und verabschieden uns. Andy fragt, was er bekommen würde; er schüttelt den Kopf und sagt: „No! Germania!“. Auch der Versuch ihm als Dankeschön wenigstens etwas Geld zu geben, wird heftigst, aber freundlich, abgelehnt.

An diesem Tag soll es nach Teth gehen. Uns ist vorher klar, dass Eva auf dieser Strecke an ihre Grenzen kommen könnte – aber wir wollen unser Glück versuchen!

Bis nach Boge schlängelt sich die Straße kurvenreich in die Ausläufer der Bergwelt Albaniens hinein. Ab dort geht es die nächsten 9 km weiter bis zum 1800m hohen Pass über „gute Schotterpiste“, die besonders in den Bereichen, wo der Schaufelbagger arbeitet, grenzwertig wird. An dieser Stelle müssen wir und der Bus vor uns anhalten, da uns erst einmal der Bagger den Weg für die Weiterfahrt versperrt. Aus dem Bus steigen ca zehn Albaner aus, die uns schon vor unserer Ankunft interessiert entgegenblicken. Ein junges Mädchen, ca. 12 Jahre alt, bleibt vor Andys geöffnetem Fenster stehen und guckt ihn neugierig, aber schüchtern an. Andy fragt sie freundlich, ob sie “ eine Question“ hätte – keine Antwort. Jetzt erst fällt mir das gezückte Handy in der Hand des Mädchens auf. Wir steigen aus und rauchen eine Zigarette. Das Mädchen taucht wieder in der Menge unter und macht von dort ein Foto mit ihrem Handy von uns.  Der Bagger versucht währenddessen unter ohrenschmerzenden krächzenden Geräuschen des Kettenantriebs an der Seite eine Ausweichmöglichkeit zu finden und schon bald können wir weiter den Berg hochklettern.

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Ab dem Pass wird die Straße noch schlechter. War sie vorher weitestgehend planiert, ragen hier große und spitze Felsbrocken überall aus dem Boden. Das Fahren wird hier immer anspruchsvoller, da auf Grund der relativ niedrigen Bodenfreiheit unser rollendes Zuhause immer wieder direkt auf den reißzahnähnlichen Felsbrocken balancieren muss. Und auch ich habe selten die Pobacken so zusammengekniffen. Rechts, knappe 15 cm neben mir, wartete der schauernd lachende Abgrund, den ich lieber nicht allzu oft in die Augen schaute. Jede Welle im Boden, die unser Segelschiff nach rechts schaukelte, ließ meine Hände die Armlehnen noch fester halten. Ausgleich schafft ein wunderschöner Ausblick in die teils mit schneebedeckten Bergspitzen zwischen denen grünste blumenübersähte Wiesen hervor blickten.

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Nach 3 km geben wir die restlichen 13 km für die anderen Fahrzeuge frei und bleiben oben in den Bergen auf einem kleinen Wiesenstück stehen. Bei einem Blick unter das Auto stellt Andy fest, dass die Spitze vom Abwasserhahnfehlt und wir auf einem riesigen Stein mit der Motorwindel aufgesetzt haben müssen. Nach einer kurzen Schrauberstunde ist klar, dass sonst nichts weiter beschädigt ist.

Am Abend sitzen wir in unseren Campingstühlen auf einer kleinen Anhöhe und schauen in die umliegenden Täler. Wir gehen erst, nachdem der Mond die Sonne längst abgelöst hat, ins Bett. Einziges Manko an diesem wunderbaren Stellplatz ist der Stromgenerator, gleich einem Hubschrauber, in der Nähe. Aber als Großstädter kann man auch diesen bestens überhören.

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Früh am nächsten Morgen heißt es „Glück auf Eva“. Es geht zurück Richtung Pass und wieder runter. Die Strecke ist immer noch nicht besser geworden, aber es bestätigt sich der Eindruck, dass es lohnenswert sein kann die selbe Strecke in die andere Richtung noch einmal zu fahren. Manchmal sieht es doch ganz anders aus.

Es geht wieder nach Shkodra, so langsam gewöhne ich mich an den Stadtverkehr und das Nichtblinken. Ist es außerhalb bis auf die Oberfläche recht simpel zu fahren, da man generell damit rechnet überholt zu werden, ist man im Stadtverkehr annähernd gleich schnell und muss den nicht beschilderten Straßen folgen, riesigen Schlaglöchern ausweichen, bzw.. nicht mehr vorhandenen Gullideckeln, und es wird weniger Rücksicht genommen. Außerhalb sind die Albaner geduldiger, wahrscheinlich auch, weil sie durchaus langsamere Fahrzeuge kennen.

Wir fahren zur Brücke in Ura e Mesit. Wunderschön gebogen und alt blickt uns diese entgegen. Etwas verwundert sind wir über die Massen an halbstarker Albaner, die überall baden, selbst von der Brücke in das nicht tiefe Wasser springen. Wieder einmal stellt sich die Frage: Wo sind die Frauen?

Bei dem Versuch eine Stelle an dem Fluss zu finden, an dem auch Dany mit baden kann, fahren wir zufällig den weiten Weg nach Teth hinauf. Hinter einer Moschee finden wir ein abkühlendes, nasses Plätzchen in dem reissenden Strömchen.

Wir fahren noch weiter hinauf und finden einen Stellplatz, wieder auf Schotter, mit Blick ins Tal. Es kommen zwei Albaner zurück auf dem Tal, die nach ihren Bienen geguckt haben. Wir versuchen uns zu verständigen, verstehen aber beiderseits kein Wort. Die Frau drückt mir ein paar Früchte in die Hand. Klein und hellgrün, sie schmecken säuerlich und sind ziemlich hart. „Klumba“ sagt sie dazu. Später übersetzen wir „Pflaume“. Wir lassen den Abend gemütlich vor dem Auto mit Pestonudeln und Gemüse ausklingen.

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